Gedichte - Ich


Gedichte - Ich

Sammlung an Gedichten mit Bezug zum "Ich" für Leserunden und Gedächtniseinheiten.


Die Heimkehr

Ach, die Augen sind es wieder,
Die mich einst so lieblich grüßten,
Und es sind die Lippen wieder,
Die das Leben mir versüßten!
Auch die Stimme ist es wieder,
Die ich einst so gern gehöret!
Nur ich selber bins nicht wieder,
Bin verändert heimgekehret.

Von den weißen, schönen Armen
Fest und liebevoll umschlossen,
Lieg ich jetzt an ihrem Herzen,
Dumpfen Sinnes und verdrossen.

Heinrich Heine

 

 

 

Menschen bei Nacht

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so mußt du bedenken: wem.

Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das von ihren Gesichtern träuft,
und haben sie nachts sich zusammengesellt,
so schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Händen hängt
die schwere Gebärde, mit der sie sich
bei ihren Gesprächen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Ich bin ich.
Nirgendwo gibt es jemanden, der genauso ist wie ich.
Einige Menschen sind mir in Einzelheiten gleich, aber niemand ist ganz so wie ich.
Darum gehört alles, was ich tue, authentisch zu mir, weil ich allein es so wollte…
Alles an mir gehört zu mir, mein Körper, und alles was er tut - mein Geist mit all seinen
Gedanken und Ideen – meine Augen mit allen Bildern, die sie sehen - alle meine Gefühle, Ärger, Freude, Frustration, Liebe, Enttäuschung, Erregung – mein Mund und alle Worte die er spricht: höfliche, harte oder grobe, wahre oder falsche - meine Stimme, laut oder leise- und alles was ich tue, in Bezug auf andere oder auf mich selbst.
Meine Phantasien gehören zu mir, meine Träume, meine Hoffnungen, meine Ängste – all meine Triumphe und Erfolge gehören zu mir - all meine Niederlagen und Fehler.
Weil das alles zu mir gehört, kann ich mich selbst genau kennenlernen.
Wenn ich das tue, kann ich mich lieben und freundlich sein zu allen Teilen meiner Person.
So kann ich es ermöglichen, daß alles in mir zum besten wirkt.
Ich weiß von Seiten an mir, die mich verwirren, und ich weiß, daß ich Seiten habe, die ich noch gar nicht kenne.
Solange ich jedoch freundlich und liebevoll binzu mir selbst, kann ich mutig und voller Hoffnung darauf warten, dass sich die Verwirrung löst und daß ich die Möglichkeiten finde, mehr über mich zu erfahren. Wie immer ich aussehe und mich äußere, was immer ich sage oder tue, was immer ich denke oder fühle in jedem beliebigen Augenblick: Das bin ich.
Das bin ich und drückt aus, wo ich in diesem Augenblick stehe.
Wenn ich später erneut betrachte, wie ich ausgesehen oder wie ich mich ausgedrückt habe, was ich gesagt und getan habe, wie ich gedacht und gefühlt habe, dann mögen sich Einzelheiten als unpassend erweisen.
Ich kann das Unpassende fallen lassen und das Passende beibehalten und etwas Neues finden für das, was ich aufgebe.
Ich kann sehen, hören, fühlen, denken, sprechen und handeln.
Ich habe alles was ich brauche um zu überleben, um anderen nahe zu sein, um schöpferisch zu sein und die Welt der Dinge und Menschen um mich herum sinnvoll zu gestalten.
Ich gehöre mir selbst, darum kann ich mich gestalten.
Ich bin ich, und ich bin wertvoll!

Unbekannt

 

 

 

Ich bin ich
Ich lasse mich nie mehr in ein Schema pressen!
Ich war, ich bin, ich werde sein!
Ihr könnt mich mit Worten strafen oder prügeln,
aber ich werde von nun an immer nur das sein was ich bin!
Versucht nie mehr mich zu ändern.
Nie, nie werde ich meinen Glauben verleugnen.
Es wird die Zeit kommen, in der sich alle entschuldigen müssen,
die Göttin sei mein Zeuge.
Ich lasse mir nichts mehr verbieten.
Ihr habt euch alle verblöden lassen,
denn ich steige auf keinen Besen,
ich verlasse meinen Körper wieder, wann und wo ich will.
Ich bin Ich und ich bin wo ich will.
Lösen
Lösung
Erlösen
Auflösen

Unbekannt

 

 

 

An den Leser

Dummheit, Irrtum, Sünde, Geiz
hausen in unserem Geiste, plagen unseren Leib,
und wir füttern unsere liebenswürdigen Gewissensbisse,
wie die Bettler ihr Ungeziefer nähren.
Störrisch sind unsre Sünden, unsre Reue schlaff;
wir lassen unsere Geständnisse uns reichlich zahlen
und wandern fröhlich dann den Schlammpfad wieder,
zuversichtlich, als waschen feile Tränen unsre Flecken ab.
Satan der Dreimalgroße ist es, der auf dem Pfühl des Bösen lange unsern Geist wiegt, den verzauberten, und das reiche Metall unseres Willens löst dieser hocherfahrene Alchimist in Rauch auf. Der Teufel hält die Fäden, die uns bewegen! Widriges scheint uns verlockend; mit jedem Tage tun wir höllenab einen weitern Schritt, doch ohne Grauen, durch Finsternisse voll Gestank. So wie ein armer Lüstling, der den zerquälten Busen einer abgelebten Metze küßt und ißt, so im Vorbeigehn stehlen wir heimlich eine Lust uns, die wir auspressen wie eine altgewordene Orange. Gedrängt und wimmelnd, gleich einer Unzahl Eingeweidewürmer, schwelgt in unsern Hirnen ein Volk von Dämonen, und atmen wir, so dringt in unsre Lungen ein unsichtbarer Strom, der Tod, herab, mit dumpfen Klageton.
Wenn Notzucht, Gift, Dolch, Brand noch nicht mit ihren hübschen Mustern den banalen Stickgrund unsrer jämmerlichen Geschicke zierten, so nur, weil es unsere Seele, leider! dazu an Kühnheit fehlt!
Doch unter den Schakalen, den Panthern, den Hetzhündinnen, den Affen, den Skorpionen, Geiern, Schlangen, den Untieren allen, die da belfern, heulen, grunzen, kriechen in der ruchlosen Menagerie unserer Laster, ist eines häßlicher, und böser noch, und schmutziger!
Ob es gleich keine großen Glieder reckt, noch laute Schreie ausstößt, zertrümmert es gern die ganze Erde, und gähnend schluckt es die Welt ein; die Langweile ist's! Das Auge schwer von willenloser Träne träumt sie von Blutgerüsten, ihre Wasserpfeife schmauchend; du kennst es, Leser, dieses zarte Scheusal, scheinheiliger Leser, meinesgleichen meines Bruder!

Charles Baudelaire

 

 

Ich bin etwas –
und weiß nicht was ich bin.
Vielleicht der Widerschein Gottes –
bin ich von Anbeginn.
Jenseits aller Worte –
vielleicht, daß ich gar nicht bin.

Unbekannt

 

 

 

 

 

Der Kobold

In einem Häuschen, sozusagen –
(Den ersten Stock bewohnt der Magen)
In einem Häuschen war's nicht richtig.
Darinnen spukt und tobte tüchtig
Ein Kobold wie ein wildes Bübchen
Vom Keller bis zum Oberstübchen.
Fürwahr, es war ein bös Getös.
Der Hausherr wird zuletzt nervös,
Und als ein desperater Mann
Steckt er kurzweg sein Häuschen an
Und baut ein Haus sich anderswo
Und meint, da ging es ihm nicht so.
Allein, da sieht er sich betrogen.
Der Kobold ist mit umgezogen
Und macht Spektakel und Rumor
Viel ärger noch, als wie zuvor.
Ha, rief der Mann, wer bist du, sprich!
Der Kobold lacht: Ich bin dein Ich.

Wilhelm Busch

 

 

 

 


Ich

Schönes,
grünes, weiches
Gras,

Drin
liege ich.

Inmitten goldgelber
Butterblumen!

Über mir...warm...der Himmel

Ein
weites, schütteres
lichtwühlig, lichtblendig, lichtwogig
zitterndes
Weiss,
das mir die
Augen
langsam...ganz...langsam
schließt.

Wehende...Luft...kaum merklich
ein Duft, ein
zartes...Summen

Nun
bin ich fern
von jeder Welt,
ein sanftes Rot erfüllt mich ganz,
und
deutlich...spüre ich...wie die
Sonne
mir durchs Blut
rinnt.

Minutenlang.

Versunken
alles...Nur noch
ich.
Selig!

Hermann Oscar Arno Alfred Holz

 

 

 

Das Auge

Die Welt ist eine große Seele
Und jede Seele eine Welt;
Das Auge ist der lichte Spiegel,
Der beider Bild vereinigt hält.

Und wie sich dir in jedem Auge
Dein eignes Bild entgegenstellt,
So sieht auch jeder seine Seele,
Sei eignes Ich nur in der Welt

Emil Rittershaus

 

 


Das Ich

– Ich bin's! –
Jawohl, du bist's, mein Ich;
gestatte mir, dich zu erkennen!
Du rühmst und lobst und brüstest dich,
stets fertig, dich mein Ich zu nennen.
Doch, seh ich dich mir in dem Licht
Der Wirklichkeit genauer an,
so bist du es und doch auch nicht.
Du weißt, was ich nicht sagen kann!

– Ich will's! –
Jawohl, du willst's, mein Ich;
gestatte mir nur, dich zu kennen!
Du rühmst und lobst und brüstest dich,
stets fertig, dich mein Ich zu nennen.
Du hast schon viel, schon viel gewollt,
doch sah ich mir's genauer an,
so war es nie, was ich gesollt.
Du weißt, was ich nicht sagen kann!

– Ich kann's! –
Jawohl, du kannst's, mein Ich;
gestatte mir nur, dich zu kennen!
Du rühmst und lobst und brüstest dich,
stets fertig, dich mein Ich zu nennen.
Du hast schon viel, schon viel gekonnt,
doch, sah ich mir's genauer an,
so hast du dich in mir gesonnt.
Du weißt, was ich nicht sagen kann!

– Ich schweig! –
Jawohl, mein liebes Ich;
gestatte mir, dies klug zu nennen!
Du bist nur Staub, nur Staub für mich,
und von dem Staub muß ich mich trennen.
Denn, seh ich dich mir in dem Licht
der Ewigkeit genauer an,
so brauche ich dich einstens nicht.
Das ist's, was ich dir sagen kann!

Karl Friedrich May

 

 

 

Fort mit dem Ich

Fort mit dem Ich und seiner Kraft,
Gebeut die Liebe, fort damit!
Vor jenem Auge ziemet ihm
Daß es verstiebe; fort damit!

Nein, geize nach der Ehre nicht
Dir selber ewig gleich zu sein;
Wo ferne nur ein Schein davon
Zurückebliebe, fort damit!

Sich aufzulösen ist so schön
In ungemeßner Leidenschaft,
Und deiner Ichheit stolze Pracht
So trist und trübe; fort damit!

Zu Asche brenn' ein liebend Herz,
Und in die Lüfte streu's der Wind,
Beweisend aller Welt, wie groß
Die Macht der Liebe; fort damit!

Georg Friedrich Daumer

 

 

 


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